„Volkstrauertag“ – Herkunft und Bedeutung

Der Text beruht im Wesentlichen auf der Broschüre „Widerlichkeiten des deutschen ´Heldengedenkens´“ der autonomen neuköllner antifa (ana)

Weimarer Republik
Die Tradition des heutigen „Volkstrauertages“ geht ursprünglich auf die Weimarer Republik zurück, in der, auf Initiative nationalkonservativer Kräfte und des Volksbundes Deutscher Kriegsgräberfürsorge, seit 1926 ein Gedenktag für die „deutschen Opfer“ des 1. Weltkrieges begangen wurde. Die Initiatoren verfolgten das Ziel, ein nationales Kollektiv über alle gesellschaftlichen Unterschiede hinweg zu konstruieren, das in der Trauer um die „deutschen Opfer“ geeint werden und eine identitätsstiftende Basis finden sollte.
Die gemeinsame Trauer auf den jährlichen Veranstaltungen sollte das völkische Kollektiv durch die Verherrlichung von Militarismus, Nationalismus und soldatischem Opferwillen auf die Notwendigkeit einschwören, eigene Opfer im Kampf für das „deutsche Volk“ zu bringen. Als exemplarisch für diese Hetze kann eine Äußerung auf der zentralen Gedenkfeier von 1926 gesehen werden:
„Unsere Toten mahnen. Und darauf kommt es an. Horche jeder auf den Geist der Toten und bekenne sich zu ihnen: Selber riefst du einst in Kugelgüssen: Deutschland muß leben und wenn wir sterben müssen!“ Hamburgischer Correspondent, 1. März 1926

Nationalsozialismus
Nach 1933 wurde diese Tradition fortgeführt und erweitert, der „Volkstrauertag“ wurde 1934 in „Heldengedenktag“ umbenannt und als staatlicher Feiertag etabliert. Von NSDAP und Wehrmacht organisierte Massenveranstaltungen, bildeten von nun an die Kulisse für die Propaganda, in der die Verdienste der zu Helden stilisierten Soldaten des 1.Weltkrieges für die deutsche Volksgemeinschaft hervorgehoben („Sie starben auf das Deutschland lebe“) wurden, an die angeknüpft werden müsse. Der „Heldengendenktag“ sollte also zum einen dazu dienen, militaristisches Gedankengut tiefer zu verankern und zum anderen dazu, die Akzeptanz des geplanten Vernichtungskriegs in der Bevölkerung vorzubereiten.

1948 bis Heute
Das Gedenken zum, inzwischen wieder umbenannten und vom März in den November verlegten, „Volkstrauertag“ in der BRD heutzutage knüpft trotz äußerer Distanz im Wesentlichen an die vorhandene Traditionslinie an. Über die vermeintlichen Grenzen verschiedener politischer Spektren und gesellschaftlicher Zusammenhänge hinweg, soll gemeinsam den „eigenen Opfern“ gedacht werden und, durch den Rückbezug auf diesen Moment kollektiver Geschichte, eine Einheit und ein verbindender Rahmen nationaler Identität geschaffen werden. So kommen jeweils am dritten Sonntag im November in der ganzen BRD Menschen an den „Denkmälern für die Gefallenen der beiden Weltkriege“ und den Soldatenfriedhöfen zusammen, um den „deutschen Gefallenen“ zu gedenken. Das Spektrum der Anwesenden bildet dabei ein illustres wie gruseliges Konglomerat aus ganz „normaler“ bürgerlicher BRD-Zivilgesellschaft und Neonazis.
In der Trauer um die „eigenen deutschen Opfer“, dem Versuch der Schuldabwehr und der Umdeutung der Geschichte hin zu einer konstruierten „eigenen deutschen Opferrolle“ sind sich alle einig; der gesellschaftliche Diskurs ist mittlerweile an einen Punkt angelangt, an dem es für legitim befunden wird, nun auch offen »endlich der eigenen Opfer angemessen zu gedenken«. Schuldabwehr und die damit verbundene Verdrehung der Täter-Opfer-Perspektive sind zu einem festen Bestandteil deutscher Erinnerungskultur geworden.
So liegen an den Denkmälern neben Kränzen von Regionalgliederungen bürgerlicher Parteien, Kirchen, freiwilligen Feuerwehren und Bundeswehr regelmäßig auch Gestecke von offen geschichtsrevisionistischen Vereinigungen wie der »Hilfsgemeinschaft auf Gegenseitigkeit der ehemaligen Angehörigen der Waffen-SS« (HIAG) sowie von Neonazis wie NPD, Die Rechte, Der 3. Weg oder Kameradschaften.